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29. Juni 2013 / RBrosowski

Von Stangenputzern und Kellenwinkern

Für Eisenbahnfans ist heute ein sehr trauriger Tag. Das „Bruchsal G“ ist nur noch ein Museumsstück.

Der Bahnhof Bad Zurzach

Der Bahnhof Bad Zurzach

Betrachte ich die letzten Jahre, dann könnte es eine Geschichte einer verpassten Chance sein – oder die Geschichte einer möglichen Zukunft. Aber entscheiden doch Sie.

Als ich für die SBB arbeitete und im Laufe der Jahre mit zu immer mehr Kollegen Kontakte knüpfte, wurde in Gesprächen immer wieder gefragt, „wo wohnst du eigentlich?“ Beantwortete ich die Frage dann mit „Zurzach“, merkte ich sofort, ob ich einen „Kellenwinker“ oder einen „Stangenputzer“ vor mit hatte. Der entscheidende Unterschied war: die einen kannten „Bruchsal G“, die anderen wussten nur, dass es das gab.

Neues Einfahrtsignal von Rekingen aus

Neues Einfahrtsignal von Rekingen aus

Zunächst zum Verständnis. Bei der Eisenbahn gibt es eigentlich zwei Gruppen. Diejenigen, die jeden Morgen die Stangen an den Einstiegstüren der Lokomotive reinigen, um diese zu betreten – also die Stangenputzer oder umgangssprachlich auch „Lokführer“ genannt und diejenigen, welche den Betrieb des ganzen sicherstellten, die Züge steuerten und mit einer Kelle die Fahrt freigaben – eben die Kellenwinker oder umgangssprachlich die Bahnhofswärter und auch Vorstände.

Letztere kannten das „Bruchsal G“. Das ist ein doch etwas grösserer Kasten, der im Zurzacher Hauptbahnhof steht und dort wohl irgendwann zwischen 1940 und 1945, nachdem er auf ungeklärte Weise nach Zurzach fand, seinen Dienst aufnahm. Dieser Kasten ist einer der zuverlässigsten Netzkomponenten, den die SBB eben bis gestern in Betrieb hatte. Es ist das dienstälteste Stellwerk in der Schweiz.

Das Besondere an diesem Stellwerk war, dass es vollmechanisch ist. Alles im Bahnhof wird über Seilzüge und Winden gesteuert. Sei es die Weiche oder das Signal. Möchte ein Zug einfahren, wurden zunächst am „Bruchsal G“ die Fahrstrasse eingestellt und die Signale freigegeben. Ein wenig Hightech ist später auch eingekehrt: Züge aus Rietheim kommend konnten selbsttätig den Bahnübergang westlich des Gebäudes auslösen. Haben dann die Autofahrer etwas länger warten müssen, bis die Barriere wieder hochging, konnte es durchaus daran liegen, dass die Mitarbeiter im Bahnhof noch etwas anderes zu erledigen hatten, bevor sie den Knopf zur Freigabe drücken konnten.

Bei der SBB habe ich unzählige Mitarbeiter kennengelernt, die an eben genau diesem Stellwerk einen Teil ihres Lebens verbracht haben. Unzählige Geschichten habe ich über den Kasten gehört – von nächtlichen Schraubenziehersuchaktionen bis hin zu Sportübungen, als in Zurzach plötzlich reihenweise Züge durchfahren wollten und jeder am Kasten im wahrsten Sinne bearbeitet werden musste. Doch eine habe ich nie gehört: eine Geschichte über einen Ausfall des Stellwerks. Eine Stellwerksstörung gab es in Zurzach eigentlich nie. Wurde das „Bruchsal G“ geölt, die Schrauben und Federn gepflegt und gewartet, dann fuhren die Züge problemfrei.

Neues Einfahrtsignal von Rietheim aus

Neues Einfahrtsignal von Rietheim aus

Doch natürlich hatte es auch seine Probleme. Bei aller Freude über die zuverlässige Technik, sollte beachtet werden, dass es auch seine Grenzen hat. So verfügte Zurzach nur über jeweils ein Signal für alle Gleise. Ein unachtsamer Lokführer wäre erst dann eingebremst worden, wenn er dieses passiert hätte und damit auf der einspurigen Strecke stehen würde. Ein modernes Zugbeeinflussungssystem, welches schon das Anfahren verhindern würde, wäre in das „Bruchsal G“ zumindest schwer einzubauen gewesen. So wird die Zurzacher Bahn mit dem neuen System durchaus auch Sicherheit gewinnen, was kein Fehler ist.

Aber das Ende von „Bruchsal G“, ist auch ein Ende von Chancen. Nicht nur verliert die SBB eine perfekte Ausbildungsmöglichkeit, an der direkt erfahren werden kann, wie Eisenbahn funktioniert. Vermutlich ist es auch das Einläuten des Endes des bedienten Bahnhofs Zurzach, der auf dem Projektplan nur noch Haltepunkt heisst.

Es ist auch eine touristische Attraktion, die nun verabschiedet wird.

Ich habe nie so ganz verstanden, wieso das Thema Eisenbahn von der lokalen Touristik fast schon ignoriert wird. Im Zurzibiet stapeln sich gerade zu Eisenbahnhighlights. Sei es eben das nun verabschiedete „Bruchsal G“, welches täglich Bahnfans anlockte, oder das Lokdepot in Koblenz oder die Dampflock in Full. Im Marketing wird immer vom „unique selling point“ gesprochen, also etwas, was nur an einem Ort konsumiert werden kann.

Im Zurzibiet können Eisenbahnhightlights konsumiert werden. Eines der grössten ist nun Geschichte. Daher ist das Ende von „Bruchsal G“ leider auch die Geschichte vom Ende, einer nicht genutzten Chance.

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